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2004 - Jahr der Technik. Wenn Fachfrauen (fast) "vergessen" werden.
Von Marianne von Rauch
 
2004 ist vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zum Jahr der Technik erklärt worden. In verschiedenen Städten quer durch die gesamte Bundesrepublik wird der Öffentlichkeit Spitzentechnologie und Technik zum Anfassen vorgestellt. Zum Beispiel in Form einer Messe oder über Aktionen wie ein "Tor der Technik mit bebilderten Stelen".

Spitzentechnologien zeigen sich mit positivem Inhalt.
Im eher technikkritischen Deutschland soll für mehr Akzeptanz der neuen Technologien, ob sie nun mit Biotechnologie, Halbleitertechnologie oder Kommunikationstechnologie zu tun haben, geworben werden. Andererseits sind viele Errungenschaften wenig spektakulär, so fristen zum Beispiel neue Materialien oder Verarbeitungsmöglichkeiten von Werkstoffen eher ein Nischendasein.

Im Jahr der Technik wird für technischen Nachwuchs geworben.
Besonderes Augenmerk liegt auf den Jugendlichen. Sie wachsen als Anwendende von Technik heran, welche für sie vielfach unverständlich ist, und sollen gleichzeitig verstärkt technische Berufe wählen. Obwohl ein extremer Ingenieurmangel in naher Zukunft vorhergesagt wird, entschließen sich weniger Studienanfänger für Ingenieurstudiengänge.

Ein Rahmenkonzept bildet das verbindende Dach für die einzelnen Veranstaltungen lokaler Organisatoren.
Mit dem Ziel, ein Gesamtkonzept mit Wiedererkennungseffekt aufzustellen, hat das BMBF nach einer Ausschreibung die Public Relations- und Werbeagentur Media Consulta beauftragt. Die Veranstaltungen selbst werden allerdings von lokalen Organisatoren auf die Beine gestellt. Oft sind es schon existierende Technikveranstaltungen wie die Münchner Wissenschaftstage oder Wissenschaft im Dialog in Stuttgart. Auch Verbände oder kleinere Organisationen können Veranstaltungen mit technischem Inhalt anbieten.

Das Gesamtbudget reicht noch für die Werbeagentur, die Veranstalter vor Ort gehen leer aus.
Organisationen, die sich beteiligen, erhalten nach einer Selektion durch das BMBF die Möglichkeit, ihre Veranstaltung auf dem Internetforum des Jahres der Technik bekanntzugeben und können ihre Broschüre mit dem Logo versehen. Trotz des sehr hohen Gesamtbudgets ist eine weiter gehende Unterstützung wie Logistik für Räumlichkeiten oder finanzieller Art nicht möglich. Das Budget für das Gesamtprogramm könnte hier sinnvoller aufgeteilt werden.

Politiker, Wissenschaftler, Verbandsvertreter treffen sich bei Abendevents.
In zehn Städten gibt es Großveranstaltungen unter dem Titel "Welt der Technik". Bei den fünf zentralen Verantstaltungen in Berlin, Hannover, Dresden, Darmstadt und Duisburg ist ein zentraler Event die Abendgala, auf der sich rund 500 wichtige Personen aus Politik, Wissenschaft und Industrie austauschen können, aber kennen und finden müssen. Zur Lobbyarbeit ist dies sicherlich ein idealer Rahmen. Aber:

Ein Wermutstropfen ist, dass die Mitarbeiter der beauftragten Werbeagentur Frauen als "Teilhabende an Technik" schlicht vergessen haben.
Schon die Ausgestaltung der Messen oder der Jugendattraktionen ist ganz klar von Männern für Jungs konzipiert. Obwohl es das Kompetenzzentrum Frauen in Informationsgesellschaft und Technologie gibt. Dieses organisiert seit Jahren bundesweite Technikmessen von und für Frauen, hat selbst einen guten Überblick über die Vereine und Organisationen von Frauen im technischen Bereich und macht für sie Lobbyarbeit.

Dank des Kompetenzzentrums in Bielefeld findet das Jahr der Technik auch mit Veranstalterinnen statt.
In letzter Minute konnte das Kompetenzzentrum noch in die Planung eingreifen. Es verschickte Informationen über das anstehende "Jahr der Technik" und brachte die Frauenvertreterinnen mit verschiedenen Veranstaltern in Kontakt.
Für das Kompetenzzentrum ist die "lokale Einbindung" der Veranstaltungen schwierig, da jede Stadt anders offen gegenüber Frauen und Technik ist und Messen, als Beispiel, sehr unterschiedlich geplant werden. In einigen Städten, wie München, war die Detailplanung noch nicht erfolgt, da die Münchner Wissenschaftstage erst in der zweiten Oktoberhälfte stattfinden, aber für Berlin waren Anfang diesen Jahres bereits die Broschüren gedruckt.

Die Öffentlichkeitsarbeit für das Jahr der Technik war mangelhaft. Außer den Beteiligten schienen wenige von den Aktionen gewusst zu haben, obwohl nach Worten der verantwortlichen Werbeagentur die lokale Tagespresse immer mit eingebunden wurde und wird. Eine private, nicht repräsentative Umfrage bei Ingenieurinnen, Leserinnen von Berliner Tageszeitungen, bestätigt leider den Eindruck.

Die Tatsache, dass Frauen als "Teilhabende an Technik" so gut wie vergessen wurden, zeigt die Ignoranz im Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung als Trägerin der Veranstaltung.
Für mich als Ingenieurin, die im deutschen Ingenieurinnenbund (dib e.V.) aktiv ist, ist diese Art ein Affront gegen alle engagierten Frauen im technischen Bereich und nicht tragbar. Zum Beispiel musste während der Veranstaltung in Düsseldorf ein auf die Stände der Frauenorganisationen aufmerksam machendes Transparent entfernt werden, da Frau Bulmahn nur von ihrem Ministerium Gesponsertes besichtigen sollte. Ich bin aber Realistin genug, um nicht am Ärger über solche Details hängenzubleiben.

Wir Frauen können nur dann etwas verändern, wenn wir uns aktiv in der Öffentlichkeit als Fachfrauen präsentieren.
Genau aus diesem Grund ist der dib e.V. auf den Münchner Wissenschaftstagen mit einer Aktion vertreten. Schlaue Mädchen ab 9 Jahre und Frauen können mit unserem LISA-Praxistest für "Lustige - Intelligente - Sensible & Aktive Mädchen" physikalische Experimente durchführen und ihr technisches Verständnis und persönliche handwerkliche Geschicklichkeit erproben. Wir hoffen, dass uns dort viele Mädchen und Frauen besuchen werden.

Die Regionalgruppe des deutschen Ingenieurinnenbundes trifft sich jeden letzten Mittwoch im Monat. Alle Ingenieurinnen, Ingenieurstudentinnen und Frauen aus verwandten Bereichen sind herzlich eingeladen, bei uns reinzuschnuppern!
 

Links
deutscher Ingenieurinnen Bund dib e.V.
Interessensverband von Ingenieurinnen. Das Ziel ist die tatsächliche Gleichstellung der Geschlechter in Ausbildung und Beruf.
Die Regionalgruppe München trifft sich jeden letzten Mittwoch im Monat Ansprechpartnerin: Barbara Martin, Tel. 08669.35 64 62, EMail: rg-muenchen@dibev.de

"Kompetenzzentrum Frauen in Informationsgesellschaft und Technologie." Von Regina Kogler in mediella 09.04

Internetsite zum Jahr der Technik 2004 www.jahr-der-technik.de
Gemeinschaftsaktion des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), der Initiative Wissenschaft im Dialog (WiD) und rund 80 Trägerorganisationen.

Termine zum Weitersagen
dib e.V. auf den Münchner Wissenschaftstagen
Samstag, 23. Oktober, von 10:00-18:00 Uhr
LMU, Amalienhalle
Aktion: LISA-Praxistest, Zielgruppe: Schülerinnen der Jahrgangsstufen 7 bis 9.
Die Betreuerinnen geben auch gerne Auskunft über ihren Beruf und ihre Ausbildung.

4. Münchner Wissenschaftstage im Jahr der Technik
22.-26. Oktober 2004
Motto: leben und technik
Programm: www.muenchner-wissenschaftstage.de

Autorin
Marianne von Rauch, Ingenieurin am Europäischen Patentamt, Mitglied im Deutschen Ingenieurinnenbund dib e.V.
Kontakt: mvonrauch@epo.org